Abschaffung der Winterzeit

Wenn ich nur daran denke, wird mir schon ganz bange. Daher bin ich kategorisch dafür, die Winterzeit abzuschaffen . Ich brauche immer Wochen bist ich mich auf die neue Zeit eingestellt habe. Entweder ich wache viel zu früh auf, oder komme morgens nicht aus dem Bett. Biorhythmisch ist dieser Zeitwechsel ein vollkommener Blödsinn und wenn man das mal hochrechnet ist der volkswirtschaftliche Schaden durch permanenten hangover nicht zu unterschätzen. Mit der Arbeit beginne ich sowieso um 9 Uhr und die Tagesschau kommt immer um 20 Uhr. ich kann meine Schlaf nicht einfach um eine Stunde verschieben, nur weil sich irgendwer das mal so ausgedacht hat. Die Nummer mit dem Energiesparen halte ich für einen ganz grossen Witz.

Jetzt kommen natürlich die ganz grossen Schlaumeier und sagen, die Winterzeit wäre die „echte“ Zeit. Das ist ja gerade das Schlimme. Besonders hier im Osten der Zeitzone in Wien ist dann auf einen Schlag um 15 Uhr das Licht aus. Gerade war noch Sommer, im Herbst werden die Tage ohnehin schon stark verkürzt und dann sieht man gar keine Sonne mehr. Man kann viele Dinge überhaupt nicht mehr unternehmen, weil man mental schon tief in der Nacht unterwegs ist. Wenn also unbedingt die Zeit verschoben werden muss, dann doch bitte in die andere Richtung. Und dann vielleicht direkt um mehrere Stunden. Dann hat man wenigstens ein ordentliches Jetlag und das Gefühl, man hätte eine interkontinentale Reise unternommen.

SPI – Frühstück in der Parklücke

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Irgendwann wurde das Hirngespinst geboren. Die Versuchsanordnung lautete: Frühstück in einer Parklücke auf der Kö. Am besten Samstags, wenn richtig viel los ist. Der Ansatz war zunächst, eine Parklücke mittels Parkuhr zu mieten. Dazu muss man wissen, die Parkplätze auf der Düsseldorfer Kö sind samstags besonders heissbegehrt, weil die ganzen Edelprollos ihre Tussis in Edelkuschen ausfahren und diese auch auf der Kö parken wollen um die Karren anderen Prollos vorzuführen. So nach dem Motto meine Schwanzprothese ist aber grösser. Da war schonmal Ärger vorprogrammiert. Das Ganze sollte einen performativen Charakter bekommen. Ein Happening eben. Die Tafel sollte wie ein barockes Stillleben mit den üblichen Anspielungen ausgestattet sein, die Gäste hatten entsprechende Kostüme zu tragen. Die Aktion wurde gedanklich immer grösser, so dass die Anzahl der Teilnehmer auch immer grösser wurde. Irgendwann brauchte man für dieses Setting auch entsprechendes Personal, Security, Diener und eine Kapelle für den adäquaten musikalischen Rahmen. Selbstverständlich sollte ein Fernsehteam mit mehreren Kameras alles festhalten.

Leider wurde der Wahn immer grösser, und so entfernte man sich immer mehr von der Möglichkeit einer realen Umsetzung. Es mussten erst einige Jahre vergehen und das „Projekt“ stutzte sich von selbst auf ein realistisches Mass zusammen. Aber es fand schliesslich statt, nicht Samstag, sondern Sonntags. Die Eskalation blieb also aus, die promenierenden Leute erfreuten sich des Anblicks, beglückwünschten uns für die Idee und blieben teilweise für ein Getränk, sogar die Ordnungshüter verhielten ruhig. Am Ende gelangten wir zufällig in die Westdeutsche Zeitung, weil zufällig Journalisten im Sommerloch das Thema Picknick in der Stadt entdeckten. Es war ein grosser Spass. Das einzige was ärgerlich war, die Aktion wurde kaum dokumentiert und ich weiss nur noch soviel: es war im Sommer 2001.

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Kran Soziologie

Vor kurzem hatte ich die Idee eine Fotoserie über Kranpaare zu machen. Auslöser war die im Umkreis von 500 Meter stetig zunehmende Bautätigkeit und dadurch zunehmende Population von Kränen, die mittlerweile die Zahl 20 schon weit überschritten hat. Ich dachte, ich könnte ein paar schöne Bilder schiessen und eine Art Choreographie wie beim Ballett dokumentieren.
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Der Eine Haken hoch, Drehung weg vom Anderen. Der Andere Katze raus, Drehung zum Einen, Haken runter. Der Eine Katze rein, Haken runter, Last ab. Der Andere Last drauf, Haken hoch, Katze rein, Drehung vom Anderen weg. Der Eine Haken hoch, Drehung zum Anderen, Katze raus, wartet. Der Andere Haken runter, Last ab, Haken wieder hoch, Drehung zum Einen. Und so weiter. Das ist der eine Aspekt. Grossbaustelle mit mehreren Kränen und die Beziehung zueinander also quasi so was wie Familie. Der andere Aspekt ist mir erst später aufgefallen.

Natürlich übernehmen die Kräne hier genauso wenig den aktiven Part wie beim ersten Aspekt, da die Bautätigkeit von anderen gesteuert wird. Vergisst man das mal für einen Moment, ist es weiterhin  interessant zu beobachten, wie kurz ein Kran alleine bleibt. Schnell wird eine Baustelle in der Nähe eröffnet und der alleinstehende Kran bekommt Gesellschaft. So entstehen lauter neue blind-date mässige Paare. Fast wie im echten Leben.

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Ein Klassiker der Grossformatfotografie in gutem, funktionsfähigem Zustand ist abzugeben.

Das Gerät dürfte aus der Zeit zwischen 1947 und 1955 sein. Serial No.: 4541 25.

Kalart Range Finder.

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Ich habe ein paar Polaroidfilme damit belichtet und kann behaupten, dass der Verschluss einwandfrei funktioniert.

Das Ganze wird für € 250,- den Besitzer wechseln.

Ggf. sind 2 Polaroid 545i Kassetten, ein Graflex 6 x 9 120 er Rückteil und 2 Planfilmkassetten mitabzugeben. (VB)

Bei Interesse bitte mich kontaktieren.
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Nie wieder Venedig!!!

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Interessant ist wie schnell sich Eindrücke verklären. Sicherlich habe ich den Entschluss, nie mehr nach Venedig zu fahren, schon beim letzten Mal gefasst. Konnte mich aber bei Urlaubsplanung diesmal nicht mehr erinnern, obwohl ich grundsätzlich Bedenken äusserte im Sommer hinzufahren.

Schon bei der Recherche, wo man das Auto mehrere Tage parken könnte, kippte ich hinten über. Garage San Marco, Bestprice, € 30,- pro Tag. Die haben wohl best mit biggest verwechselt. Das waren mal satte 50 Prozent mehr als beim letzten Mal. Und das war auch nicht gerade günstig. Aber es gab zum Glück günstigere Alternativen – dafür zumindest.

Endlich angekommen und voller Tatendrang benötigten wir ein Ticket für das Vaporetto. Ich hatte noch dunkel in Erinnerung, dass eine Fahrt € 1,50 oder so kostete, man ähnlich wie in Paris sich eine Zehnerkarte kaufen kann und damit erst gut über die Runden kommt. Nicht so heutzutage. Innerhalb der letzten fünf Jahre müssen sich die Entscheidungsträger wohl überlegt haben, dass man, solange es noch geht, die Touristen, ohne die Venedig ohnehin schon längs nicht mehr existieren würde, nochmal richtig zur Kasse zu bitten. Und zwar bei allem, was möglich ist.

Es fing damit an, dass wir wie die Hornochsen vor dem Bigliette Automaten standen und, obwohl es so aussah als ob, war es nicht möglich irgendeine Karte zu ziehen. Typisch Italien eben, dachte ich. Eine etwas vorlaute Touristin, gross Französisch und Deutsch parlierend, klärte uns auf. Man müsste sich eine VeniceCard besorgen und die gäbe es nur am Bahnhof und bei San Marco. Toll. Und wir mittendrin auf halber Strecke. Also auf, Richtung San Marco, in der Hoffnung, dass es bei der Station Rialto auch einen Ticketschalter gibt. Unterwegs bin ich noch in einen Tabac gegangen, weil dort konnte man schliesslich früher auch Tickets kaufen. Hier kam endlich der ganze Wahnsinn ans Licht. Eine Einzelfahrt sollte € 6,50 kosten und Tageskarten entsprechend vielmehr. Stand da nicht auf dem Automaten etwas von €1,30 pro Fahrt? Habe bestimmt was falsch verstanden. Der Verkäufer sprach ungefähr soviel Fremdsprache wie ich Italienisch und schaltete deswegen eine andere Kundin ein, die mir erklärte, dass es die VeniceCard nur für Venizianer gibt und Touristen voll draufzahlen müssten. Ich fragte, seit wann das so wäre, sie entgegenete, es änderte sich laufend das System. Aha.

Weiter geht’s. Bei der Rialto Station befindet sich tatsächlich ein Ticketschalter. Dort konnten wir eine Broschüre über die VeniceCard  studieren. Nach langem hin und her und Nachrechnen, ob sich das überhaupt lohnt oder einfach nur totaler Abzug ist, entscheiden wir uns schliesslich die Karte zu nehmen, erfahren aber am Schalter, dass die überhaupt keine Vaporetto Tickets beinhaltet. Also doch so wie die nette Italienerin behauptete. So eine Superscheisse. Das ganze stundenlange geeier für nichts und wieder nichts. Es war zum verrückt werden. Kurzum, wir kauften eine Wochenkarte für € 50,-, entschieden uns also für Superhyperabzug. Nur um auf der sicheren Seite zu sein. Am Ende amortisierte sie sich sogar. Allerdings war nicht feststellbar, ob wir wirklich eine Wochenkarte bekamen. Die drucken es einfach nicht auf die Karte und, und das ist das Beste, niemand hat jemals kontrolliert. Wahrscheinlich ist deswegen der Preis auch viermal so hoch für Touristen, weil sie davon ausgehen, dass die Hälfte eh nicht bezahlt und dann machen sie immer noch Reibach. Verwunderlich ist, dass ich auch im Internet keine wirkliche Aufklärung gefunden habe, was die VeniceCard wirklich leistet und was die Einheimischen zahlen.

Das Bedauerlichste an der ganzen Geschichte ist, dass wir uns an dem Tag in den Giardini einen Teil der Biennale anschauen wollten und wegen der Aktion mindestens zwei Stunden verloren, und deswegen am Ende im Dauerlauf durch die Gärten laufen mussten und trotzdem vieles nicht sehen konnte.

5 zu 60
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Die Gesamtatmosphäre in den Giardini war wie immer sehr entspannt und nett. Liegt natürlich auch daran, dass bei knapp 40 Grad kein normaler Mensch sich Kunst anschaut. Das Ganze versöhnte uns etwas mit dem verhampelten Vormittag. Was ich allerdings überhaupt nicht verstand, warum überall Lampen brannten – tagsüber bei strahlendem Sonnenschein. Klar, das Überthema war Illuminazioni – aber platter geht es wohl nicht?
Richtig gut fand ich die Beiträge von Frankreich, Israel, Russland, den USA und Deutschland, der berechtigter Weise den Goldenen Löwen bekam.

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Anderen Tags sind wir noch durch die Arsenale gegangen und leider auf die Falle „lange Schlange“ hereingefallen. Das war besonders ärgerlich weil das Warten 60 Minuten gedauert hat und die „Begehung“ nur 5 für einen Raum, der unendlich scheinen sollte und die Lichtfarbe kaum merkbarwechselte. Haben dann aber auch gereicht, die 5 Minuten. Deswegen habe ich das magische Dreieck auf dem Toilettenspülkasten nicht verstanden. Der Marklay gehört zu den anderen beiden mit Sicherheit nicht dazu oder besser gesagt die anderen Beiden gehören zum Markley nicht dazu.

Der hat nämlich aus zigtausend Filmschnipseln, die eine Uhrzeit entweder durch Anwesenheit einer Uhr oder durch Nennung im Dialog beinhalten, aneinandergehängt. Mehrere Schnipsel oder Szenen von ca. 5 bis 20 Sekunden mit der selben Zeit liefen synchron zur realen Zeit. Der totale Wahnsinn. Alle möglichen Filme, alte schwarzweiss Schinken bis zu relativ neuen Filmen kamen vor. Manche kannte man, Viele nicht. Der rote Faden war die Zeit. Das ganze Werk war demnach 24 Stunden lang. Die Biennale ist aber nur von 10-18 Uhr geöffnet. Natürlich hatten die nicht soviel Witz, den Film an einem öffentlichen Ort rund um die Uhr abzuspielen. Mich würde vor Allem interessieren, wie sich die Szenen in der Nacht zusammensetzen, ob es da genauso viel Material gibt wie tagsüber. Bzw. Ob es dichte Zeiten gibt, die mi besonders viel Material bestückt sind. Jedenfalls hätte ich die Stunde Warten lieber dort verbracht, als in der Schlange von James Turrel’s nicht wirklich bestem Objekt.

Italienische Wirtschaftkrise/Milchmädchenrechnung
Man muss nur in eines dieser Eurokrisenländer fahren und dort einen Supermarkt besuchen.  In der Nähe unserer Wohnung gab es einen Billa (österreichische Supermarktkette). Da gibt es zwar viele italienische Produkte, aber noch vielmehr importierte Sachen, die vor allem auch kein Mensch dort braucht. Zum Beispiel Eiscreme von Dr. Oetker (Cameo). In Italien importiertes Eis. Kann es sein das die Römer das Eis erfunden haben? Wie verrrückt soll das denn sein?

In diesem Billa gab es eine Aktion für Moretti Bier in 0,33 Liter Dosen für ca. € 1,40. Eh schon sehr teuer für ne Bierdose im Supermarkt. In irgendwelchen Ess-supernepp-Apotheken hat der halbe Liter Bier bis zu 8 (in Worten Acht) Euro gekostet. Gut, da kann man sagen: die Italiener sind keine Biertrinker, die verkaufen Bier nur für die deutschen Touristen. Allerdings habe ich mich dann schon gewundert, dass in einem kleinen echten italienischen Alimentario auf Burano (noch schlimmerer Tourismus als in Venedig) eine 0,33 Liter Dose dänisches Importbier nur einen Euro gekostet hat.

Der Braune Bär, seine Squaw und der Fühler

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Manchmal, so wie heute, steht der braune Bär mit seiner Squaw gemeinsam am Fenster und guckt raus. Heute war auch noch der Fühler, eine schwarz-weisse Katze im Fenster schräg darunter da. Der Fühler ist der wahre Häuptling des Wohnblocks. Ich glaube das passt dem braunen Bär nicht. Aber er kann nichts dagegen machen. Noch soviele (Friedens-) Zigaretten bringen es nicht. Der Fühler trohnt in seinem Fenster und kontrolliert das Haus und die Strasse.

SPI – Postkarten

Das Ganze fing schon Ende der 80er Jahre an, als ich die ersten Urlaube mit Freunden machte. Damals schrieb man noch Postkarten, nicht nur an seine Eltern, sondern auch an Freunde – also echte, reale Freunde. Nicht so „Daumen-hoch“ F***book Typen.

Erst hatte ich die wage Theorie, dass die Post alles, was sich im Briefkasten befand, befördern musste, also auch Postkarten ohne Briefmarken. Zunächst war es latenter Geiz, dann wurde es sportlich. Also sparten wir die Briefmarken und versendenten lauter Postkarten, die auch tatsächlich – meisstens zumindest – von der Post abgestempelt ankamen. Später zeichneten wir dann die Briefmarken, recycleten schon benutzte (die sogenannte Mehrwegbriefmarke) oder klebten kleine „Bilder“ drauf. Das Tolle war: alles wurde abgestempelt und erreichte den Empfänger.

Irgendwann in der Mitte der 90er Jahre verstand dann die Post keinen Spass mehr und verlangte von dem nichtsahnenden Empfänger so was blödes wie Nachporto. Da war der Spass lantent vorbei. Nicht für uns natürlich. Da ging es erst richtig los.

Nachdem wir vorher meistens konventionelle Postkarten benutzten und der Spass hauptsächlich darin bestand, den grössten Nonsense draufzuschreiben und darauf zu hoffen, dass die Karte auch wirklich ankam – egal von welchem Ausland -, verlagerte sich nun das Interesse mehr auf das Objekt „Postkarte“.

Leider hatte ich es damals vesäumt alle Karten zu fotografieren – war ja auch noch alles analog, und einer der Hauptempfänger ist seit 3 Jahren nicht in der Lage vernünftige Fotos von den Anfangsobjekten zu machen, daher fällt die Auswahl recht schmal aus. Ich erinnere mich noch gut an eine plattgetretene Diebels Alt Dose, in der sich eine Kopie von T. C. Boyles Kurzgeschichte vom Fliegenmenschen befand, die ich zum Geburtstag bekam.

Viele Postkarten waren wie „Chinese Architekt“. Man fand irgendwo was, kopierte und klebte es auf Karton, beschrieb die Rückseite und ab in die Post. Dann gab es einige Materialexperimente mit Bläschen- und Bautenschutzfolie und schliesslich kam die Phase „Postkarte mit Inhalt“. Es fing an mit dem legendären Sülzkotlett. Die erste readymade Postkarte mit einer Auflage von 4 Stück. Kam als Weihnachtskarte ganz gut an.

Nachdem die Karte „SPI  RULEZ“ allerdings nicht ihr Ziel erreicht hatte und auch der danach mehrfach abgesendete Steckbrief keine Wirkung hatte, stellte sich die Frage, ob die Post noch als Kooperationspartner in Frage kam, wenn sie „Kunstdiebe“ beschäftigt. Es liess sich auch keine Regel feststellen, welches Objekt durchkam, welches nicht. „Urmasse“ kam zum Beispiel an, „Prost“ wieder nicht. Man war also etwas der Willkür des Posttribunals – Daumen hoch oder Daumen runter – ausgesetzt.

Im Moment findet ein Prozess der strategischen Neudefinition statt. Mal sehen, was dabei rauskommt.
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Der braune Bär

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Seit wir hier wohnen, steht der Typ drüben am Fenster, raucht und schaut raus – vor allem morgens. Im Sommer gerne mit nacktem Oberkörper. Da mir das schon lange auffiel, fragte ich mich, was er wohl macht. So alt sieht er auf die Entfernung gar nicht aus, dass er in Rente sein könnte. Geht er auf Nachtschicht irgendwo arbeiten? Wieso raucht er immer am Fenster?

Mittlerweile habe ich ihn etwas besser „kennengelernt“. Während der Zeit meiner Morgengymnastik, die zuweilen eine Stunde dauert, taucht er bis andauernd auf – vor allem ab ca. 7 Uhr raucht er eine nach der anderen. Vermutlich muss er nach dem Aufstehen das Nikotinspiegelminus der Nacht wieder ausgleichen. Später nach 8 guckt er auch nur so aus dem Fenster. Dann,  wahrscheinlich nach dem Frühstück, schüttelt er die Tischdecke aus. Mehrmals in der Woche fegt er die Fensterbank und das Fenster mit einem Handbesen. Schliesslich ist mir aufgefallen, dass er manchmal auch im Treppenhaus auf dem Zwischenpodest am Fenster raucht, damit die Nachbarn auch etwas davon haben. Daraus schloss ich, dass er in der Wohnung nicht rauchen darf, weil seine Frau – die steht nämlich auch manchmal mit ihm am Fenster – milititante Nichtraucherin ist.

Dann gibt es da auch noch einen Sohn, der auch gerne mit nacktem Oberkörper am Fenster raucht. Er schnippt die Zigaretten genauso elegant zur Seite weg und verschwindet dann sofort hinter der Gardine wie sein Vater. Der Sohn rauchte aber auch schon mal mit seiner Freundin am Fenster. Da war der braune Bär wohl nicht zu Hause, was seltsam ist, weil ich ihn noch nie auf der Strasse gesehen habe. Da befürchtete ich schon, ob er nicht schwerkrank ist und die Zigaretten ihm als letztes Vergnügen geblieben sind?

Ich sah ihn doch schon zweimal auf der Strasse. Einmal stand er in Bermudashorts auf dem Parkplatz – natürlich rauchend – und einmal überquerte er mit einem Handtuch unter dem Arm – auch rauchend – die Strasse. Da kam er wahrscheinlich aus der Sauna, wo er sich ganz unbekleidet am wohlsten fühlt. Genau. Das ist es: er ist Nudist. Und zwar so pathologisch, dass er nicht arbeiten gehen darf. Zumindest kann er das Haus verlassen. Da habe ich mich sehr für ihn gefreut, dass er nicht krank ist.

Interessant ist, wie schnell man sich irgendeinen Schwachsinn aus ein paar Augenblicken zusammenreimen kann.